Passend zur Weihnachtszeit: Onurs Predigt zur Apostelgeschichte Drucken
Dienstag, den 20. Dezember 2016 um 00:00 Uhr

Man gab einem jeglichen, was ihm not war

Onur-Ocak-klDie folgende Kanzelrede wurde am 10.01.2016 in der Bartholomäus-Kirchengemeinde Brackwede, anlässlich des 30. Jahrestages der Denkschrift: „Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie“ von Onur Ocak gehalten. [Es gilt das gesprochene Wort.]

 

Meine Damen und Herren, liebe Gemeinde,
Ich möchte mit einem Zitat aus der Apostelgeschichte beginnen, nämlich aus der Gütergemeinschaft der ersten Christen. Dort heißt es:

 

 

Apostelgeschichte
Die Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch keiner sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein. Und mit großer Kraft gaben die Apostel Zeugnis von der Auferstehung des HERRN Jesu, und war große Gnade bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wie viel ihrer waren, die da Äcker oder Häuser hatten, die verkauften sie und brachten das Geld des verkauften Guts und legten es zu der Apostel Füßen; und man gab einem jeglichen, was ihm not war.

 


Liebe Gemeinde, die erste Gütergemeinschaft der Christen folgte einem Prinzip: dem Prinzip der sozialen Gleichheit. Das war keine Gleichheit aus der Not und aus dem Zwang, wie in den Urgesellschaften, wo alle nichts hatten und man teilen musste, weil es nicht anders ging. Es war die Idee der Gleichheit als bewusste Entscheidung.

 

 

Dies ist ein unglaublich fortschrittlicher Gedanke der in der Apostelgeschichte zum Ausdruck kommt. Bereits vor über 2000 Jahren haben die damaligen Christen die Eigentumsfrage gestellt. Sie haben sie aber anders beantwortet als wir es heute tun. Bzw. viel schlimmer, wir stellen heute nicht mehr die Eigentumsfrage bzw. denken gar nicht mehr darüber nach, wie Eigentum genutzt werden soll und welchem Zweck es zu dienen hat.

Stattdessen hören wir in den Medien täglich, von Milliardären und Millionären, in den Klatschzeitschriften beim Friseur und beim Arzt wird von ihrem schillernden Leben berichtet. Und wir nehmen das so hin als sei es das natürlichste der Welt.

Aber fragen wir uns je? Wie kommen diese Milliardäre und Millionäre zu ihrem Eigentum?

 

 

Die Philosophen der Aufklärung hatten eine klare Antwort darauf: Eigentum entsteht durch eigene Arbeit. Wir leben aber in einer Gesellschaft in der Eigentum nicht durch Arbeit entsteht, sondern indem man andere für sich Arbeiten lässt.

 

Die Frage ist also, kann jemand überhaupt rechtmäßig Milliardär sein?
Die Aufklärer würden sagen: Nein, niemand kann in einem Menschenleben so viel arbeiten, dass er eine Milliardevermögen anhäufen kann. Das ist unmöglich. Aber dennoch ist es Realität. Aber wie kommt es dazu?

 

Es ist so, weil die Gesellschaft nicht so konstruiert ist wie die christliche Gütergemeinschaft. In der das Eigentum allen, also der Gemeinschaft gehört. Unsere heutige Gesellschaft basiert darauf, dass es Menschen gibt die Privateigentümer von Unternehmen sind und Menschen die kein Eigentum an Unternehmen haben. Es gibt also Menschen die gezwungen sind zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und Menschen, die andere für sich arbeiten lassen können. Und so banal dieser Satz auch klingen mag, so wirkungsvoll ist er. Diese tatsächliche Ungleichheit, gewährt Menschen die Herrschaft über andere Menschen.

 


Es gibt denen einen Macht, zu bestimmen wer Arbeit hat und nicht, es gibt ihnen die Macht zu bestimmen, wie viel wir arbeiten müssen und wie lange, es gibt ihnen die Macht zu bestimmen wie viel Lohn wir bekommen. Es gibt ihnen die Macht zu bestimmen, was wir auf der Arbeit anzuziehen haben und wie wir uns zu verhalten müssen. Sprich, sie haben durch ihr Privateigentum an Unternehmen, die Macht unser Leben zu bestimmen. Diese Herrschaft bezieht sich nur auf den Arbeitsplatz, sie reicht viel weiter.


Sie gefährdet sogar unsere Demokratie. Vermögende können über Parteispenden überproportional Einfluss auf die Politik nehmen. Oder über Anzeigen in Zeitungen die politische Meinungsbildung in ihrem Sinne beeinflussen, wenn ihnen die Zeitungen und Medienkonzerne nicht bereits gehören. Oder sie sind so mächtig, dass sie systemrelevant sind und die Politik in ihrem Sinne agieren muss, wenn den Zusammenbruch der Gesellschaft vermeiden will.

 

Die Privateigentümer an Unternehmen haben daher die Macht die Politik zu erpressen und stattdessen ihre eigenen privaten Interessen durchzusetzen.

 

 


Ein Griechischer Philosoph sagte: Demokratie ist mehr als nur zur Wahl zu gehen. Demokratie heißt, dass sich die Interessen der Mehrheit im Staat durchsetzen.

 

Setzen sich in unserer Gesellschaft die Interessen der Mehrheit durch?
Wenn ja, wie ist es dann möglich, dass gegen die Interessen der Mehrheit der Menschen, wir Europas zweit größten Niedriglohnsektor haben?
Wie ist es dann möglich das Menschen Vollzeitarbeiten und sie nur kaum mehr als Hartz IV bekommen?
Wie ist es dann möglich, dass Menschen 40 Jahre arbeiten und am Ende nur Grundsicherung als Rente bei rumkommt?
Wie ist es dann möglich, dass die gesamten Renten immer weiter sinken, dass wir modere Sklavenarbeit in Form von Leiharbeit und Werkverträge haben?!

 

 

Dass sich die Jugendlichen von Praktika zu Praktika hangeln, ohne Aussicht auf eine sichere Beschäftigung.
Es setzen sich in dieser Gesellschaft eben nicht die Interessen der Mehrheit durch. Aber die Macht des Eigentums, geht noch weiter, sie geht über sie Ebene des Staates hinaus und betrifft auch unsere gesamte Gesellschaft. Im Jahr 2016 feiern wir eine traurige Prämiere. Denn in diesem Jahr werden die reichsten 1 % zum ersten Mal in der Weltgeschichte, mehr Vermögen besitzen als die restlichen 99% der Welt zusammen.
Und es gibt mittlerweile Konzerne auf der Welt, deren Jahresgewinn übersteigt den Gesamthaushalt von mehreren Industriestaaten zusammen. Und jetzt stellen sie sich mal vor, was für eine Investitionsmacht diese Konzerne haben.


Wenn diese Konzerne entscheiden, dass sie ihr Geld statt in die Krebsforschung in Entwicklung von noch größeren und umweltschädlicheren Autos investieren, weil sich das besser rentiert oder gar in Waffen, Panzern und Raketen, weil dafür Abnehmer vorhanden sind, dann prägt das unsere Gesellschaft auf Jahre. Es bindet über Jahre unsere gesellschaftlichen Ressourcen, materielle wie geistige, die vielleicht sinnvoller genutzt werden könnten. Diese privaten Investitionsentscheidungen prägen und bestimmen die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft.

 

Die Frage, die sich schreiend aufdrängt ist doch:

 

Was gibt diesen privaten Konzernen das Recht einseitig, über das gesellschaftlich, von uns allen erarbeitete Vermögen, nach dem Gesichtspunkt des Profits zu entscheiden?!

Was gibt ihnen das Recht zu entscheiden, dass schnellere Autos wichtiger sind als Krebsforschung?!


Was gibt ihnen das Recht zu entscheiden, dass Waffen und Raketen zu produzieren sind, statt der Bau von Schulen und Krankenhäusern?!

 

Müssten wir nicht sagen! Halt Stopp! So kann das nicht weitergehen. Wir produzieren den Reichtum dieser Konzerne. Wir schaffen den Gewinn, mit denen ihr euch immer weiter bereichert und mit denen ihr unsere Demokratie aushöhlt und Kriege finanziert. Wir - die Gesellschaft - die den gesellschaftlichen Reichtum erarbeiten, wollen auch darüber mitentscheiden was mit unserem Reichtum passiert!

 

Und damit wären wir bei einem der zentralen Leitgedanken in der Apostelgeschichte… auch keiner sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein.

Liebe Gemeinde, die Bibel gibt eine Antwort auf eines der drängendsten Probleme unserer heutigen Gesellschaft.

 

Es darf kein privates Eigentum geben, dass so groß ist, das es Menschen ermächtigt über andere Menschen zu herrschen.

Es darf kein Eigentum geben, das so mächtig ist, dass es die Demokratie ausschalten kann. Eigentum muss der gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen werden und dazu dienen die Not der Menschheit zu lindern und nicht sich nicht auf Kosten der Menschheit zu bereichern.

 

Nie war es so dringend wie jetzt der fortschreitenden sozialen Spaltung und rasanten sozialen Ungleichheit, eine praktische und moderne Antwort der sozialen Gleichheit entgegen zu halten.

 

 


Ich weiß nicht wie viel Armut und Ungerechtigkeit unsere Gesellschaft noch verträgt. Ich weiß nur dass es in unserer Verantwortung liegt diese Tendenz zu stoppen. Wir sind es den kommenden Generationen schuldig, ihnen eine Gesellschaft zu hinterlassen, die lebenswert ist, in der sie nicht zum Spielball der Wirtschaft und Mächtigen degradiert werden, in der sie sich mit erhobenen Hauptes stolz und voller Stärke sich nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen selbst entfalten können.

 

 

Also eine Gesellschaft in der sie nicht Opfer der ökonomischen Verhältnisse sind, sondern eine Gesellschaft, in der sie ihre Verhältnisse selbstbestimmt und gerecht mitgestalten können. Ja das ist meine Vision, deswegen sage ich:

 

seien wir realistisch und versuchen das Unmögliche.

Danke.

Onur Ocak 10.01.2016