Die Linke in Bielefeld nimmt Abschied von Günter Seib
Günter Seib wurde 1940 in Pforzheim geboren und ist am 2. Januar im Alter von 84 Jahren in Bielefeld gestorben. Er wird vielen von uns als durch und durch politischer und linker Aktivist in Erinnerung bleiben.
Er war natürlich schon als Studierender politisch aktiv und hat sich in allen Phasen seines Lebens als widerständiger und durchsetzungsstarker Interessenvertreter einen Namen gemacht. Sein politischer Antrieb blieb die mangelnde Demokratieentwicklung in der bürgerlichen Klassengesellschaft der Bundesrepublik. Als aufrechter Demokrat und zugleich konsequenter Sozialist war und bleibt er vielen Linken ein Vorbild. Er war auch ein internationaler Friedensaktivist, und das Feld, auf dem er sich insbesondere Möglichkeiten der politischen Aktivierung und Weiterentwicklung versprach, war die Kommunalpolitik.
Schon als Student in Mannheim setzte er sich erfolgreich für ein Anwohnerparkrecht ein, was ein absolutes Pilotprojekt war. In Bielefeld kümmerte er sich darum, dass das Wiesenbad nicht abgerissen und an einen Investor verschenkt wurde. Schließlich wurde es so renoviert, wie wir es kennen. Daran war er maßgeblich beteiligt!
Wer Günter kannte, wusste von seinem Biss, mit dem er Projekte verfolgte und mehrmals zum Erfolg führte. Er ging dabei mit seiner Beharrlichkeit und seiner überbordenden Beredsamkeit den jeweiligen Genoss:innen „gehörig auf die Nerven". Er war zunächst, in den 60er Jahren, in der SPD Willy Brandts organisiert. Dort hielt er es aber nicht lange aus und schloss sich der DKP an. Hier war er als Sekretär für Kommunalpolitik tätig und aktiv beteiligt an wichtigen sozial- und kulturpolitischen Projekten.
Auch in der Partei Die Linke trieb er seine neue Partei „zum Jagen". Bei der Aktion zum Erhalt der Stadtbibliothek lernten wir in Bielefeld von ihm, wie man eine Kampagne organisiert und machten Die Linke öffentlich sichtbar. Dabei war Günter frisch verrentet, unermüdlich auf der Straße, und sammelte Unterschriften und überzeugte, wenn auch nicht alle. Ebenso engagiert betrieb er die Spendensammlung zur Unterstützung des griechischen Gesundheitswesens nach der Schuldenkrise Griechenlands. Und natürlich war er eine der treibenden Kräfte bei unserer ersten Mietenkampagne, die Die Linke in Bielefeld organisierte, lange bevor die Bundespartei das zum Kernthema erhob.
Günter war mit seinen Sprachkenntnissen und seiner literarischen Begabung viele Jahre als wissenschaftlicher Übersetzer an der Uni Bielefeld geschätzt und organisierte hier als aktiver Gewerkschaftskollege auch die Reinigungskräfte der Uni. Dabei wurde nach neun Monaten tariflosen Zustands ein Abschluss von +4,3 % für ganz NRW durchgesetzt. Das nutzte vor allem vielen migrantischen Kolleginnen, die bis dahin übelst um ihre Rechte am Arbeitsplatz gebracht worden waren.
Günter war eigensinnig und kein einfacher Mensch. Er blieb sich als Linker treu und hat sich mit aller Kraft, solange sie es zuließ, für die Menschen eingesetzt, deren Interessen sonst zu oft übergangen werden.
Zuletzt konnten wir ihn bei unserer Mitgliederversammlung im November treffen. Er hatte sich mit zunehmenden gesundheitlichen Beschwerden, die ihm Kraft kosteten und ihm die Lebenslust nahmen, weitgehend zurückgezogen. Nun ist er gegangen!
Die Linke Bielefeld, Bekannte und Freund*innen, Gewerkschafter*innen und Menschen, die ihn schätzen lernten, werden sein ehrendes Andenken bewahren.
Foto: Veit Mette
